Lasst mich doch 1.319 Euro für ein iPhone zahlen, wenn ich will!

iPhoneX

Als Journalist sollte man eigentlich objektiv berichten. Schade, dass es die meisten Medien im modernen Facebook-Journalismus nicht mehr tun. Ein Kommentar.

Wer in der heutigen Zeit mit Online-Journalismus Geld verdienen will, benötigt Klicks. Das Geheimrezept lautet: Ein paar hetzerische Schlagzeilen hier, ein paar Neugierde erweckende Teaser-Bilder da, gekoppelt mit Clickbait-Fragen (die am Ende des Artikels letztendlich doch nicht aufgelöst werden und den Leser mit noch mehr Fragen hinterlassen). Tadaa, schon hat man Klicks.

Vor dieser Methode schrecken auch nicht alt eingesessene Zeitungen ab. Wäre Joseph Pulitzer nicht gerade damit beschäftigt, wie verrückt im Grabe zu rotieren, würde er wahrscheinlich das ein oder andere Tränchen vergießen. So stolz wäre er auf die heutige Medienlandschaft.

Wie auch immer… Wenn man jedenfalls ganz viele von diesen Klicks ergattern möchte, stürzt man sich am besten auf ein Thema, welches momentan die ganze Welt berührt. Nein, nicht scheiternde Sondierungsgespräche, AfD, Flüchtlingskrise, Terroranschläge oder Vollzeit-Hetzer Trump. Über die wird momentan ohnehin ständig berichtet.

Es müsste ein neues Thema her. Etwas, was die Menschen berührt. Etwas, was es so noch nie gegeben hat. Das iPhone X bietet sich doch bestens an. Technische Neuerungen? Völlig egal! Apple nutzt jetzt Buchstaben anstatt Zahlen, das muss an Neuerungen doch reichen. Viel besser aber noch: der Preis.

Spätestens zu dem Zeitpunkt, als Apple den Preis für das iPhone X ankündigte, war allen Qualitätsjournalisten klar: Darüber müssen wir reden. Nein, nicht reden. Darüber müssen wir uns beschweren! WIE KANN EIN GEWINNORIENTIERTES UNTERNEHMEN ES WAGEN, SO VIEL GELD FÜR EIN SMARTPHONE ZU VERLANGEN?!

Entschuldigung. Da hat sich das alte Schweiger’sche Shift-Tasten-Problem eingeschlichen. Aber im Ernst: Sachliche Berichterstattung findet man zum Thema iPhone X nur sehr selten. Außer natürlich auf der Macwelt-Seite. Wir sind immer sachlich und objektiv. ( Der war gut. Anm. d. Red. )

Der 13. September dieses Jahres geht als der Tag in die Geschichte ein, an dem Journalisten wettkämpferisch darum stritten, wer den schönsten Echauffier-Artikel schreibt.

  • „1319 Euro für ein iPhone? Wirklich, Apple?“ – Welt, 13.09.2017

  • „Das iPhone X: Ein Sprung in düstere Vergangenheit“ – SZ, 13.09.2017

  • „Wie teuer darf ein Smartphone sein?“ – Spiegel, 13.03. 2017

Nur, um ein paar Beispiele zu nennen. Gewonnen hat eindeutig Andrian Kreye von der SZ, der Apples Face-ID mit der „Schädelvermesserei des Kolonialismus“ vergleicht. Immer wieder schön, wenn man Artikel liest, in denen das intellektuelle Ego des Autors zwischen den Zeilen durchschimmert. Oder wie in diesem Fall: Es einem mitten ins Gesicht schlägt.

Fasst man die allgemeine Stimmung zum iPhone X in den sozialen Netzwerken zusammen, kommt das neue Apple Smartphone – vom Preis jetzt mal abgesehen – sehr schlecht weg: OLED-Display hat es ja vorher schon gegeben, die Notch sieht außerdem auch „Scheiße“ aus – genauso wie das Design im Ganzen – und die Face-ID sei überhaupt nicht sicher.

Dann liest man in der Kommentar-Funktion, dass Verbrecher den Nutzer ja dazu zwingen könnten, sein Gesicht vor das Telefon zu halten und zu entsperren. Touch-ID war ja viel besser. Und sicherer. Dass besagte Verbrecher vielleicht auf die Idee kommen könnten, den Nutzer dazu zu zwingen, den Finger auf den Abdruck-Sensor zu legen, darauf ist der Urheber dieses Kommentars offensichtlich nicht gekommen. Das wird man ja wohl noch sagen dürfen! Ist ja nur seine Meinung!

Aber die Apple-Hater haben schon Recht. Wie die Süddeutsche Zeitung heute schreibt, wurde „Apples Face ID erfolgreich getäuscht – von Maske und Kind “. Im Artikel wurde zwar verschwiegen, dass die Face ID mit jedem Entsperrvorgang dazu lernt und dass beim Test die standardgemäße Aufmerksamkeitsprüfung deaktiviert wurde, war anscheinend auch nicht so wichtig. Wen interessieren denn Fakten? Klicks sind wichtig! Klicks sind die neuen Fakten.

Auch die vietnamesischen „Hacker“ bleiben uns immer noch den Beweis schuldig, dass sie die Face ID mit dem Gesicht eingerichtet haben und mit der Maske dann das iPhone entsperrt haben. Selbst das neuere Video von BBC zeigt das nicht. Aber egal. Hauptsache Klicks.

Man liest  weiter: Rationales Denken sei wohl keine Eigenschaft, die einem Apple-Käufer zugesprochen werden kann. So lautet ein Kommentar (mangelhafte Rechtschreibung und fehlende Interpunktion wurden zu Vorführzwecken aus dem Original übernommen):

„neulich ist ein gebrauchter ipod generation 1 für 4000 dollar über den tisch gegangen. Apple kunden scheinen nicht bis ins letze rational zu sein“

Dass aber der alte VW-Golf des früheren Papstes, Benedikt XVI., für fast 190.000 Euro verkauft wurde, daran denkt mal wieder keiner. Typisch. Oder will dieselbe Person behaupten, dass die rund 8,4 Millionen interessierten Käufer ebenfalls nicht rational denken können? Und nein, ich vergleiche hier nicht Steve Jobs mit dem Papst.

Hachja, freie Meinungsäußerung, welch wertvolles Gut. Falls man jedenfalls mich dabei erwischen sollte, wie ich für einen alten Samsung YP-U7 4GB MP3-Player 4000 Dollar bezahlen sollte, erteile ich hiermit offiziell mein Einverständnis, mich einliefern zu lassen. Am liebsten irgendwo in der Nähe eines Apple Stores, damit ich auch in Zukunft meine Kohle für „überteuerten Technikscheiß“ rauswerfen kann.

Allerdings gehöre ich nicht zu den Käufern, die sich vom Spiegel vorschreiben lassen wollen, wie teuer ein Smartphone (oder ein sonstiges Apple-Produkt) sein darf. Daher möchte ich abschließend folgendes sagen:

Ich zahle das Geld, weil das iPhone X es mir Wert ist. Ich habe Spaß an der Technik, an der leichten Bedienung, an der Kompatibilität mit anderen Apple-Geräten. Und hätte ich das Geld übrig, würde ich mir wahrscheinlich auch einen teuren Sportwagen kaufen – oder den alten Golf vom Papst. So viel Geld habe ich dann aber doch nicht gespart, es reicht „nur“ für das iPhone X. Natürlich handelt es sich hierbei um eine Menge Geld. Aber Apple zwingt mich ja nicht, so viel Geld auszugeben. Stattdessen könnte ich auch einfach einen überteuerten Tarif bei einem X-beliebigen Anbieter nehmen. Dann halte ich das iPhone X letztendlich auch in den Händen. Zahle am Ende halt nur drauf.

Was man allerdings auf keinen Fall von mir erleben wird, ist, dass ich mich darüber aufrege, warum sich jemand ein Smartphone kauft, welches nicht den heiligen Apfel auf der Geräterückseite eingraviert hat. Und falls doch, möge man mich mit explodierenden Samsung Galaxy Note 7 steinigen. Es gibt letztendlich größere Probleme auf der Welt, als den Preis eines Telefons. Wie zum Beispiel die Wartezeiten beim neuen iPhone X. Ganz im Ernst, Apple. Das nervt.

Quelle: Macwelt